Abneigung
Instinktive Abneigung
Es gibt Menschen, die oft vor den unbedeutsamsten Dingen und Erscheinungen eine gewisse Furcht, einen Abscheu und auf jeden Fall eine mindere oder größere Antipathie haben. Das können fein kreischende Töne sein, das Anfühlen einer rauen Fläche, oder einer wird ärgerlich, wenn jemand hinter ihm geht oder fährt. Viele haben vor gewissen Tieren, besonders vor den Reptilien, einen ungemeinen Abscheu, andere können gewisse Physiognomien anderer Menschen nicht ertragen. Dabei handelt es sich um instinktartige Urteile des Gemüts, das von einem jenseitigen sogenannten Schutzgeist stets wachgehalten wird. Diese Urteile sind Entsprechungen, und wenn man sie versteht, dann kann man einsehen, erstens wie man mit solchen Gefühlen dran ist und was einem der Schutzgeist sagen und anzeigen will, und zweitens kann man ein Heilmittel gegen solche Gemütsunannehmlichkeiten erkennen und sich von diesen befreien. Ohne dieses ist ein höherer Schutzgeist genötigt, das unangenehme Gefühl in der Seele beizubehalten, damit die Seele sich allzeit das entfernt halte, was teils ihrem Leib und teil auch auch ihr selbst einen Schaden bringen könnte. Der eigentliche Grund ist, dass die Disposition der Naturgeister der Leibesmaterie eine solche ist, die eine verborgene Neigung zu eben jenen Dingen und Erscheinungen hat, die dem Leib schon bei einer nur einigermaßen intensiveren Berührung bald einen empfindlichen Schaden bringen würden. Darum sorgt dann der Geist, dass die Seele vor solchen Schwächen ihres Leibes und Nervengeistes eine bleibende Antipathie hat und daher sich bei solchen ihr widrigen Dingen und Erscheinungen bald aus dem Staub macht und sich vor größeren nachteiligen Wirkungen schützt und anderen leicht entstehen könnenden Gefahren ausweicht.[1]
Wenn man hinter sich fahrende Wagen oder hinter einem her gehende Fußgänger nicht ertragen kann
Natürlicher und zum Teil transzendental natürlicher Grund: Im Leib eines solchen Menschen wohnen Naturgeister, deren Bestreben ein antipositiv-polarisches, somit ein hinterhältiges und gewisserart hinterlistiges ist, welche natürlich ganz unverschuldete Eigenschaft der Leibesnaturgeister sich dann auch zunächst durch die Affektion der Nerven dem Nervengeist mitteilt und dadurch in eine fühlbare Korrespondenz mit der Seele tritt. Fährt oder geht nun jemand hinter einem solchen Menschen her, dann werden dadurch sogleich die eigenschaftlich ähnlichen Leibesnaturhinterhaltsgeister infolge des Assimilationsdranges erregt und durch sie dann auch die Nerven und ihr Lebensäther oder Geist. Das merkt die Seele bald, wirkt dem gleich entgegen und schiebt ihren Leib auf die gefahrlose Seite und wartet sogar ab, bis alles Hinterhaltige vorgefahren oder vorgegangen ist, und es ist dann damit auch alles Missbehagen verschwunden.[2]
Was einem sein Schutzgeist sagen will: Das Gemütsurteil ist Missbehagen, Furcht, Ärger. Dem gegenüber entspricht das, was ihm hilft, Schutz gibt und das Gemüt wieder beruhigt, und das besteht nach dem äußeren Verstandesurteil darin: Fürs Erste den Rücken sicheren Orts seiner Schwächen wegen decken, dann fürs Zweite der Gefahr mutig das Gesicht zuwenden und endlich ganz geduldig abwarten, bis die Gefahr vorüber ist. Die entsprechende Schlussfolgerung ist: Den noch so geringen Feinden im Rücken ist niemals zu trauen! Kehre dem Feinde das Angesicht zu, stelle dich sicher und habe einen Mut mit Geduld, so wirst du über alle deine hinterlistigen Feinde den Sieg davontragen. Die sittliche Entsprechung lautet: Besser zehn offene Feinde vor dem Angesicht als ein Hinterlistiger – und ein reißender Wolf im Schafspelz ist gefährlicher als ein offener in seinem Wolfsbalg.[3]