Talent
Die Menschen sind mit verschiedenen Vermögen oder Talenten versehen. Der eine hat die Gabe des Rates, der andere die Gabe des Verstandes, ein anderer die Gabe der Sprachen, ein anderer die Gabe der Weissagung, ein anderer die Gabe des Gesichtes. Wieder ein anderer die Gabe der Wahrnehmung oder Ahnung, und wieder ein anderer die Gabe des Gehörs. Mancher hat die Gabe des Geruches, mancher die Gabe des Geschmackes, mancher die Gabe der Willensstärke, ein anderer wieder eine Macht in seinen Augen. Und zwischen jeder dieser sind zahllose Abstufungen und Mischungen.[1]
Wegen eines Talentes hat keiner etwas dem anderen voraus. Er hat es, damit er mit seinem besonderen Talent seinen Brüdern in aller Liebe dienen könne und solle – darum wird jedem auch Besonderes gegeben. Daher ist zufolge der Liebe Gottes in der ganzen Unendlichkeit kein Wesen vollkommen mit allen Talenten versorgt, wodurch die Ermangelung an einem oder dem andern Talent das schönste und haltbarste Band der gegenseitigen Liebe ist, durch welches ein Bruder dem andern notwendig wird und sich an ihn anschmiegen muss, um sich des Talentes des Bruders bedienen zu können.[2] Es wird aber niemand von ein oder dem andern Talent gänzlich ausgeschlossen; sondern der Unterschied besteht nur in dem Überwiegen eines oder des anderen Talentes bei dem einen oder anderen Menschen.[3]
Wer aufgrund seiner Talente und der Lobhudelei anderer hochmütig wird, sich als eine Art Gott fühlt und schließlich selbst von Bewunderung über sich ganz hingerissen wird, dann verzehrt der Hochmut schließlich alles Edle, was sonst der Geist vermöge seiner besseren und ausgezeichneteren Talente hätte zum Nutzen vieler schwächer begabten Menschen zustande bringen können.[4]
Vergeistigung
Per Talent kann ein Mensch zu allerlei Glanz gelangen. Wenn der Herr einen Menschen seinem Geist nach zu Sich aufnimmt, muss Er auch sein Talent zur Umkehr und wahren geistigen Veredelung mit aufnehmen.[5] Durch die wahre Demut und Gottesliebe kann jeder sein angeerbtes Talent bis ins völlig geistige Leben erhöhen.[6]
Falsche Vorstellungen
Gott sei ungerecht und parteiisch, da er einem Menschen Talente gibt, die ein anderer nicht hat
Ebenso könnte man Gott Ungerechtigkeit vorwerfen, weil Er auf der Erde so viele Steine erschaffen hat und nicht lauter sanftes, fruchtbares Erdreich, oder so viele Dornensträucher und Disteln. Alles ist im höchsten Grad notwendig und das eine könnte ohne das andere nicht bestehen. Vom kurzsichtigen Menschenverstand aus betrachtet ist Gott wohl ungerecht und parteiisch, aber demnach wäre auch ein Baumeister ungerecht und parteiisch, wenn er die größten und schwersten Steine für das Fundament verwendet, wo die armen Steine zuerst im finsteren Graben liegen müssen und dazu noch alle Last auf dem Rücken haben. Oder warum müssen die Wurzeln eines Baumes im finsteren Erdreich stecken, während die Äste stolz in der Luft und im alles erquickenden Licht prangen? Wer dem Herrn mit dem Vorwurf der Ungerechtigkeit kommt, dem würde Er sagen: "Fühlst du einen Mangel, so gehe zu deinem Bruder, und er wird dir aushelfen! Hätte Ich allen Menschen ein Vollgleiches gegeben, da hätte keiner gegenüber dem andern einen Mangel, der Bruder würde des Bruders nimmer benötigen! Womit sollte dann die alles belebende Nächstenliebe im Menschen erweckt und gestärkt werden?" Was wäre ein Mensch ohne die Nächstenliebe, und wie würde er ohne diese dann erst die reine Liebe zu Gott finden, ohne die an ein ewiges Leben der Seele gar nicht zu denken ist? Damit ein Mensch dem andern dienen und sich dadurch dessen Liebe erringen kann, muss er irgend etwas zu leisten imstande sein, das ein anderer nicht so leicht kann, weil ihm dazu die erforderlichen Talente mangeln; dadurch wird dann ein Mensch dem andern zu einem Bedürfnis, und durch den gegenseitigen nötigen Dienst wird die Liebe zunächst erweckt und durch das Gute solcher gegenseitigen Dienstleistung stets gestärkt. In der Stärke der Nächstenliebe aber liegt allzeit die innerste Offenbarung der reinen, göttlichen Liebe und in dieser das ewige Leben. (nach Raphael)[7]
Siehe auch
Quellenverweise
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 2.420531.1
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 2.420531.2-3; Jakob Lorber, Das Große Evangelium Johannes 3.79.16-19
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 2.420531.6
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.490406.43-44
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 3.470527.9
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 2.420531.2
- ↑ Jakob Lorber, Das Große Evangelium Johannes 3.79.5-19