Tugend
Die Tugend ist eine Fertigkeit des menschlichen Gesamtwesens, das Gute frei zu wählen und danach, ohne sich durch irgend etwas im Geringsten beirren zu lassen, fest und getreu zu handeln. Hat ein Mensch in sich diese harmonische Fertigkeit erlangt, derzufolge er alle seine vielen Bedürfnisse und Begehrungen völlig in eins vereint hat, wonach er dann handelt, so ist er völlig tugendhaft.[1]
Wesen
Die größte Tugend jedes menschlichen Herzens ist die Demut.[2]
Zur rechten Tugend gehört, dass man die Betrübten tröstet, die Zerschlagenen aufrichtet in ihrem Gemüt, den Notleidenden hilft, die Gefallenen aufhebt, die im Geist Gefangenen erlöst, die Schwachen stärkt, den Irrenden den rechten Weg zeige, alle Ärgernisse vermeidet und denselben bei anderen vorbaut, damit, so jemand einen Schatz hat, er ihn nicht für sich behält, sondern ihn bis auf den letzten Tropfen teilt. Denn so lange wird niemand das Reich Gottes erben, bis er nicht alles wird hergegeben haben, was er hat.[3]
Wer die Tugend besitzt, ist ein wahrer Künstler des Lebens im Leben geworden.[4]
Der Tugend ist von Gott aus eine endlose Vervollkommnungsfähigkeit gegeben. (nach Engeln)[5]
Äußere Tugend
Die äußere Tugend besteht in allerlei Zeremonie, Anstand, Höflichkeit, Artigkeit u. a. m. in rein weltlicher Beziehung. Versinnbildlicht wird sie durch Tauben. Nach der Ordnung aller Dinge gehört das Äußerste ins Äußerste und nicht ins Innerste. Würde jemand das Äußerste eines Baumes, die Rinde, in dessen Mark schieben, müsste der Baum bald verdorren und sterben. Die Menschen sollen daher all die äußerlichen Tugenden nicht zur Sache des inneren Lebens machen, ansonsten sie zu Konversationspuppen werden.[6]
Verkehrte Tugend
Der verkehrte Weg der Tugend, den viele auf der Welt gehen, besteht darin, viel des Himmels wegen zu tun, aber nicht des Herrn wegen. So jemand ist noch lange nicht evangelisch. Man wird nicht aus seinem Verdienst, sondern lediglich durch die Gnade des Herrn selig. (siehe Tatgerechtigkeit)[7]
Ausführung
Der Mensch muss in allen seinen vielen Bedürfnissen und Begehrungen das Gute frei wählen und danach fest und getreu handeln, um völlig tugendhaft zu werden. Wenn er nur hie und da in einzelnen Punkten tatfertig ist, in anderen aber wie ein laues Wasser, so ist er im Einzelnen etwas, aber im Ganzen dennoch nichts. Er ist noch lange nicht tugendhaft, sondern ein armseliger Stümper in all seinem Tun und Lassen, gleich einem Gärtner, der lauter Weiden pflanzt, weil diese am leichtesten, fast ohne alle Mühe, aufgehen; aber niemand kann von ihnen irgend genießbare Früchte sammeln. Daher sind alle Pflanzen zur Belehrung der Menschen so eingerichtet, dass jene, die am wenigsten menschlichen Fleiß benötigen, auch entweder gar keine oder nur sehr schlechte und für den Menschen wertlose und völlig unbrauchbare Früchte zum Vorschein bringen.[8]
Wer recht tugendhaft sein will, der darf nichts unbeachtet lassen, was das Evangelium zu beachten vorschreibt.[9]
Falsche Vorstellungen
Es gäbe keine Tugend und kein Laster
Wer kann etwas dafür, dass der eine Mensch beispielsweise den überwiegenden Drang zur verschwenderischen Freigebigkeit in sich als einen wahren Lebensgrund hat und ein anderer dafür den blanken Geiz? Bei beiden ist es eine Sache der äußeren Erscheinlichkeit ihrer innersten Liebe, aus der eines jeden beseligendes Gefühl für ihn selbst erwächst. Alles liegt schon ursprünglich in der Natur des Menschen, daher kann es im Grunde weder ein Laster noch eine wahre Tugend geben. Für den Geiz ist die Freigebigkeit ein Laster - und für die Freigebigkeit im gleichen Maß der Geiz. Kann das Wasser dafür, dass es ganz weicher und gefügiger Natur ist, und wer kann den Stein verdammen seiner Härte wegen? Das Wasser muss so sein, wie es ist, und der Stein im gleichen, wie er ist.
Richtig ist: Jeder Mensch kommt mit dem Drang zur Selbstsucht und zum Geiz als Kind auf die Welt - die einen haben mehr des grob-materiellen tierischen Elementes in sich, die anderen weniger, was von der Art der Seele abhängt. Wird der Mensch nun in diesem tierischen Element erzogen, dann verkehrt er solches selbst zunehmen in seinen Lebensgrund, in seine Liebe. Weil diese aber tierisch ist, so bleibt der Mensch auch ein reißendes Tier und hat nichts Menschliches als die lumpige Gestalt, die gelöste Zunge und infolge des geordneten Gehirnbaues ein geregeltes Erkenntnisvermögen, das aber stets zunehmend vom tierischen Element zur schnöden Tätigkeit angetrieben wird. Es kann infolgedessen nur das als gut und beseligend erkennen, was das rein tierische Element will. Die Sache mit dem Tugendhaften und dem Lasterhaften verhält sich wie mit zwei Fruchtbäumen derselben Art und in derselben Erde stehend, die vom gleichen Regen und Tau, von gleicher Luft und vom gleichen Licht genährt sind, wobei der eine Baum Früchte trägt, der anderen aber nicht einmal Laub. Helfen alle Mittel nichts, den in sich selbst verdorbenen Baum fruchtbar zu machen, dann wird ihn der Gärtner ausrotten und an seine Stelle einen anderen setzten. Ein geiziger und selbstüchtiger Mensch ist ein in sich durch sich selbst verdorbener Mensch und kann keine Früchte des Lebens bringen, weil er in sich selbst alles Leben verzehrt. Hingegen ein freigebiger Mensch ist darum in sich in der rechten Lebensordnung, weil er nach außen hin reichliche Früchte trägt. Ein Baum kann nichts dafür, ob er Früchte oder keine Früchte trägt, denn er bildet sich nicht selbst, sondern die in seinem Organismus aufsteigenden Naturgeister bilden ihn durch ihre Kraft und durch die ihnen innewohnende höchst einfache und beschränkte Intelligenz. Ein Mensch aber kann sich durch die unbeschränkte Intelligenz seiner Seele selbst bilden und sich zu einem reichlichste Lebensfrüchte tragenden Baum umwandeln. Tut er das, wozu er alle Mittel besitzt, so wird er erst ein rechter Mensch in der wahren, ewigen Ordnung Gottes. Tut er das aber nicht, so bleibt er ein Tier, das als solches kein (Anm.: höheres geistiges) Leben in sich hat und somit auch keines an einen Nächsten durch gute und liebreiche Werke übergehen lassen kann.[10]
Siehe auch
Quellenverweise
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 2.470517.1
- ↑ Jakob Lorber, Bischof Martin 183.7
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 2.440815b.1-3
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 2.470517.8
- ↑ Jakob Lorber, Das Große Evangelium Johannes 2.60.5
- ↑ Jakob Lorber, Das Große Evangelium Johannes 1.16.12-15
- ↑ Jakob Lorber, Bischof Martin 60.2-3
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 2.470517.1-4
- ↑ Jakob Lorber, Himmelsgaben 2.470517.6
- ↑ Jakob Lorber, Das Große Evangelium Johannes 3.193.1-9